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Beate Broßmann: DAS SCHEIN-ERRATISCHE POLITISCHE HANDELN DES DONALD TRUMP (Teil II)

  • vor 9 Minuten
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Wir haben im ersten Teil der Beleuchtung theoretischer Hintergründe der verblüffenden innen- und außenpolitischen Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten Trump gesehen, wie dieser via Tech-Bros unter den Einfluß der gesellschaftlichen Visionen des amerikanischen Philosophen Curtis Yarvin geriet. Nicht weit davon entfernt ist die historische Konzeption der sogenannten „Technate“, die ebenfalls dem begonnenen politisch-gesellschaftlichen Umbruch Pate zu stehen scheint.


Die Geographie




Diese Karte aus dem Jahr 1940 zeigt das geopolitische Programm der Technocracy, Incorporated. Sie veranschaulicht einen radikalen geopolitischen Vorschlag einer radikalen Organisation, die auf pseudowissenschaftlicher Wirtschaft und autoritärer, nationalistischer Politik basiert: „The American Technate“.


Rot eingefärbt ist das Gebiet Amerikas, das die Technokratie-Bewegung vereinigen wollte. Sie schlug vor, Kanada, Grönland, Mexiko, die USA und Teile Mittelamerikas zu einer einzigen kontinentalen Einheit zu verschmelzen. Diese Einheit nannten sie „Technate“. Es sollte nach technokratischen Prinzipien regiert werden und nicht nach nationalen Grenzen und traditionellen politischen Unterteilungen.


Howard Scott, der geistige und organisatorische Kopf der technokratischen Bewegung, schrieb „Auf der Karte, …, ist das geografische Gebiet beschrieben, das für die angemessene Verteidigung und den Betrieb dieses Kontinentalgebiets erforderlich ist... . Wir sollten sofort unsere geplanten Absichten anerkennen, diese Gebiete zu konsolidieren, nicht als separate politische Einheiten, sondern als Teil des Kontinents Nordamerika... . Amerika muss alle nordamerikanischen Gebiete auf der beigefügten Karte des Technate besitzen, zur Verteidigung dieses Kontinents."


Scott war davon überzeugt, dass das Territorium der Vereinigten Staaten erweitert werden müsse, um es richtig verteidigen zu können. Das neue „Technate of America“ sollte ganz Kanada, Grönland, Mittelamerika, die Karibik und Teile von Kolumbien, Venezuela und den Guyanas umfassen. „Defense Bases“ sollten rund um den Umkreis von Attu errichtet werden: Pago Pago; die Galapagos; Georgetown, Guyana; Bermuda; St. John's, Neufundland und Cape Farewell, Grönland.


Wie erreicht man eine solch monumentale Ausdehnung? „Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte sofort Maßnahmen ergreifen, um diese Gebiete und andere wie Grönland und die Galapagos-Inseln zu erwerben. Der Erwerb dieser Gebiete sollte ein obligatorischer Teil des Programms der kontinentalen Verteidigung für sofortige Errungenschaft sein – entweder durch Kauf, Verhandlung oder die Kraft der Waffen" diktierte Scott.


Das geopolitische Programm der Technocracy, Inc. war gleichzeitig expansionistisch und isolationistisch. Der „nordamerikanische Technate ist ein Design und Plan, Nordamerika in eine technokratische Gesellschaft zu verwandeln. Der Plan sieht vor, die reichen Vorkommen von Mineralien und Wasserkraft Kanadas als Ergänzung zur industriellen und landwirtschaftlichen Kapazität der Vereinigten Staaten zu verwenden. (Viele Details dieses Plans werden im Technokratie-Studienkurs vorgestellt, dem Präzedenzdokument der Technokratie-Bewegung.)


Das Nordamerika-Technate würde etwa 30 moderne Nationen umfassen. Seine gesamte Landfläche wäre über 26 Millionen Quadratkilometer (was es zur größten Nation der Erde machen würde).


Der Grundgedanke war, dass „die natürlichen Ressourcen und die natürlichen Grenzen dieses Gebietes es zu einer unabhängigen, sich selbst erhaltenden geografischen Einheit machen.“ (The Technocrat, Bd. 3, Nr. 4, Sept. 1937) Im Einklang mit den autoritären Tendenzen der Technocracy Inc. würde das Technate seine Sicherheit durch eine „kontinentale Integration und Mobilisierung“ und eine „vollständige Einberufung von Männern, Material, Maschinen und Reichtum durch die Regierung der Vereinigten Staaten“ gewährleisten (The Technocrat, Bd. 9, Nr. 3, Apr. 1941).

 

Der Schlüssel zu diesem Projekt war die Errichtung einer Kette von weit verstreuten „Verteidigungsbasen“ entlang der Grenzen des Technates. Dahinter würde das Technate vollkommen sicher sein. Seine Wirtschaft würde sich „selbst tragen“ und unabhängig vom Welthandel sein, und seine Verteidigungsanlagen würden ausreichen, um mögliche Eindringlinge abzuschrecken. Auf diese Weise entfiele die Gefahr, in die Konflikte in Europa oder Asien verwickelt zu werden.

 

„Der Widerstand gegen den Eintritt Amerikas in die Kriege, die außerhalb unseres Gebietes toben, ist ein Grundpfeiler der derzeitigen grundlegenden Politik der Technokratie. Damit diese Politik nicht von uninformierten Personen in der Öffentlichkeit falsch ausgelegt wird, weist die Technokratie darauf hin, dass diese Position nicht auf der Grundlage humanitärer oder pazifistischer Grundsätze vertreten wird. Amerika ist es wert, dafür zu kämpfen! Aber wir müssen für Amerika nur zu amerikanischen Bedingungen und von unserer eigenen kontinentalen Verteidigung aus kämpfen. Eine kompetente Strategie wird den Krieg aus unserem Gebiet heraushalten.“ (ebd.)


Die historische Entstehung des Technate-Konzepts


Die Bewegung erlangte während der Großen Depression, einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Krise, die von 1929 bis 1939 dauerte, große Aufmerksamkeit. Dies war eine Zeit, in der weit verbreitete wirtschaftliche Misserfolge radikale Ideen für systemische Veränderungen hervorriefen. Die Technokratie sprach diejenigen an, die in technologischen Fortschritten eine mögliche Lösung für wirtschaftliche Ineffizienz und Ungleichheit sahen.



Eine politische Bewegung mit Schaufenster: Technokraten-Boss Howard Scott, 1931
Eine politische Bewegung mit Schaufenster: Technokraten-Boss Howard Scott, 1931

 Ihr führender Vertreter war der bereits erwähnte Howard Scott (1890-1970), ein Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler. Die Technokraten gewannen vor allem durch ihn und eine Gruppe von weiteren Ingenieuren und Akademikern der Columbia University an Zugkraft. Im Jahr 1932 gründete Scott die Technical Alliance, aus der sich 1933 die Technocracy Incorporated entwickelte.

 

Scott und seine Anhänger hielten Vorträge, veröffentlichten Broschüren und gewannen eine bedeutende Anhängerschaft, insbesondere unter Ingenieuren, Wissenschaftlern und fortschrittlichen Denkern.


Die Positionen


Die Bewegung der 1930er Jahre war eine Bildungs- und Forschungsorganisation, die sich für eine grundlegende Neuordnung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in den USA und Kanada einsetzte. Unter Berufung auf die Weltwirtschaftskrise betrachteten die Anhänger der Bewegung dieses System als inhärent unhaltbar und sagten einen totalen Zusammenbruch des Systems spätestens 1940 voraus.


Die technokratische Bewegung stützte sich auf ein 1921 von dem Ingenieur Walter Henry Smyth veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Technokratie“, in dem neue Ideen über Management und Wissenschaft aufgegriffen wurden, und auf den Taylorismus.

 

Die Adepten der Technate schlugen ein Konzept vor, das die Verschwendung beseitigen und Nordamerika durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft hochproduktiv und effektiv machen sollte.


Laut Technokraten kann ein Technate nicht einfach irgendwo auf der Welt errichtet werden. Es müssen bestimmte Voraussetzungen vorliegen, damit es funktioniert:

 

  1. Es müssen genügend natürliche Ressourcen vorhanden sein.

  2. Es muss eine bestehende industrielle und wissenschaftliche Basis geben.

  3. Es muss eine ausreichende Menge an geschultem Personal für seinen Betrieb geben.


Schon in den 1930er Jahren wollten die Mitglieder der Technocracy, Inc. die Marktwirtschaft und die politische Führung durch ein System ersetzen, in dem Experten Entscheidungen auf der Grundlage von Daten, Effizienz und technologischer Machbarkeit treffen. Die Technokraten strebten eine Regulierung von Verbrauch und Produktion auf der Grundlage der Energieeffizienz und nicht der Marktkräfte an. Die Verteilung von Waren und Dienstleistungen sollte auf der Grundlage wissenschaftlicher Berechnungen von Bedarf und Nachhaltigkeit erfolgen. Elon Musks Großvater mütterlicherseits, Joshua N. Haldane, Howard Scott und andere Aktivisten der Bewegung waren der Ansicht, dass Mechanisierung und Automatisierung einen Großteil der menschlichen Arbeit überflüssig machen und die Arbeitszeit bei gleichbleibender Produktivität reduzieren könnten.


Sie schlugen vor, die Wirtschafts- und Vertretungsregierung als treibende Kräfte der Wirtschaft aufzugeben und sie durch massives Social Engineering zu ersetzen, das sich auf Techniker – insbesondere Ingenieure – als effiziente, wissenschaftliche, antikapitalistische Elite konzentriert, die in der Lage ist, die wirtschaftliche Ordnung um eine rationale Produktion und Verteilung herum neu zu orientieren.

 

Das präskriptive Programm der Technocracy Inc. enthielt wirtschaftliche, politische und geopolitische Elemente. Im Mittelpunkt stand die Abkehr vom Preissystem hin zu einer, wie Scott es nannte, „Energietheorie des Wertes“, bei der Waren und Dienstleistungen nicht nach dem Geldwert, sondern nach dem für ihre Herstellung erforderlichen Energieaufwand bewertet werden sollten. Dies wiederum würde die Abschaffung der Demokratie und die Einführung einer Technokratie erfordern. 

Denn die Technokraten betrachteten gewählte Politiker als inkompetent. Sie sprachen sich dafür aus, sie durch Experten aus Wissenschaft und Technik zu ersetzen, die die Ressourcen „objektiv“ zum Nutzen der Gesellschaft verwalten würden. Die parlamentarische Regierung sollte durch eine nicht gewählte, technisch versierte, empirisch orientierte, überparteiliche Elite ersetzt werden, die über das notwendige Fachwissen verfügt, um Werte zu bestimmen und rationale Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen zu treffen.


Die Befürworter vertraten die Ansicht, dass traditionelle Wirtschaftssysteme wie Kapitalismus und Sozialismus ineffizient und korruptionsanfällig seien, während eine wissenschaftlich geplante und gesteuerte Wirtschaft Wohlstand, Stabilität und Fairness gewährleisten könne.


Das vorläufige Ende


Die Technokratie-Bewegung hatte ihre kurze Blütezeit in den 1930er Jahren.

Die Bewegung war elitär, aber ideologisch uneinheitlich und zersplittert, Doch Scotts Version wurde durch die Große Depression und die Krise des Kapitalismus, den Isolationismus nach dem Ersten Weltkrieg und ihre Affinität für faschistische Formen und Rituale befördert.

 

Die äußeren Erscheinungsformen ihrer autoritären Einstellung hatten tatsächlich einen faschistoiden Beigeschmack: Die Mitglieder der Technocracy Inc. trugen eine Uniform aus zweireihigem Anzug, grauem Hemd und blauer Krawatte, mit dem roten Technocracy-Logo am Revers; sie fuhren grau lackierte Autos und salutierten in der Öffentlichkeit voreinander. Technokratie und Totalitarismus sind eben zwei Seiten derselben Medaille.


Während die Bewegung in den frühen 1930er Jahren ein schnelles Wachstum erlebte, verlor sie Mitte bis Ende der 1930er Jahre an Schwung. Kritiker befürchteten, dass eine von nicht gewählten Experten geführte Regierung zu einer Art autoritärer Herrschaft führen würde, in der Entscheidungen ohne öffentliche Mitsprache oder demokratische Kontrolle getroffen würden.


Ja, gewiß! Das war und ist ja der Sinn der Sache!


Die Verwandtschaft des Technate-Konzepts mit dem sozialistischen der zentralen Planwirtschaft springt ins Auge. Technokratische Diktaturen stehen offenbar außerhalb des politischen Schemas von linker und rechter Politik. Sie erfreuen sich immer dann großer Beliebtheit, wenn die demokratische Verfaßtheit eines Staatswesens das System in eine Krise gestürzt hat, insonderheit wenn eine Revolution der Produktivkräfte an die Grenzen der politischen, ökonomischen und administrativen Verhältnisse stößt.



Verwendete Literatur:










Karte: Technate of America, Whoanzin, CC BY-SA 4.0, via Wiki Commons




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Über die Autorin: Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“.




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